Jeden Morgen beginnt in den ersten beiden Unterrichtsstunden der sogenannte Hauptunterricht, in dem die Klasse einen thematischen Schwerpunkt in einem Fach über drei bis vier Wochen intensiv erarbeitet. Was unterscheidet diese konzentrierte Arbeit in Epochen von der sonst üblichen zersplitterten Arbeit, die auf zwei bis drei Wochenstunden verteilt ist?

Intensive Themenarbeit über mehrere Wochen statt 45-Minuten-Takt

„Welche Epoche hast du gerade?“, eine häufige Frage unter Waldorfschülern, mit der jedoch Schüler von staatlichen Schulen – und auch manche neuen Waldorfeltern – zunächst wenig anfangen können. An Waldorfschulen zieht sich der Epochenunterricht durch die gesamte Schulzeit: Jeden Morgen beginnt in den ersten beiden Unterrichtsstunden der sogenannte Hauptunterricht, in dem die Klasse einen thematischen Schwerpunkt in einem Fach über drei bis vier Wochen intensiv erarbeitet, zu einem vorläufigen Abschluss bringt und später erneut aufgreift. Was unterscheidet diese konzentrierte Arbeit in Epochen von der sonst üblichen zersplitterten Arbeit, die auf zwei bis drei Wochenstunden verteilt ist?

Epochen in der Grundschulzeit

In den unteren Klassen wird der Epochenunterricht täglich vom Klassenlehrer erteilt und umfasst zunächst Lesen, Schreiben, Rechnen und Formenzeichnen. Daneben wird aber auch Sachkunde in Epochen unterrichtet, wie zum Beispiel eine Handwerkerepoche sowie Tier- und Pflanzenkunde. So beginnt der Epocheunterricht jeden Morgen mit einem rhythmischen Teil, bevor die Kinder über verschiedene Methoden in die Lerninhalte eintauchen. „Diese tägliche Arbeit in einer Doppelstunde über mehrere Wochen ermöglicht es, dass jedes Kind sich mit dem entsprechenden Thema – etwa dem Bruchrechnen – intensiv auseinandersetzt“, sagt York Semmler, der als Klassenlehrer tätig ist und auch Sport unterrichtet. „Kein Klingeln reißt sie aus ihren Gedanken und es bleibt Zeit, ein Thema von vielen verschiedenen Seiten zu beleuchten.“ Darüber hinaus könne das an einem Tag Gelernte über die Nacht mitgenommen werden und am nächsten Morgen gleich weiterverarbeitet werden. „In Spanien sagen die Menschen, wenn es um die Lösung eines Problems oder einer Aufgabenstellung geht: 'Ich teile das Thema zunächst mit meinem Kopfkissen.' Das bedeutet, ich nehme das Thema also mit durch die Nacht und erhalte dadurch am nächsten Tag neue Erkenntnisse“, erläutert Semmler. Das Epochenprinzip an Waldorfschulen berücksichtige dies in gleicher Weise. „Oft kommen die Schüler am nächsten Morgen zu neuen Einsichten und Fragen, die dann gleich in der Klasse diskutiert werden können. So können sie ein Thema viel intensiver bearbeiten. 'Der Lernstoff' gelangt damit in tiefere Ebenen und bleibt nicht nur kurzzeitig im Bewusstsein.“ Insgesamt umfasst eine dreiwöchige Epoche ungefähr so viel Unterrichtsstoff, wie eine Einzelstunde pro Woche, die über das ganze Jahr erteilt würde.

Epochen in höheren Klassen

In den höheren Klassen wandeln sich einige Fächer wie Schreiben, Rechnen und Heimatkunde zu Deutsch, Mathematik und Erdkunde; dazu erweitert sich das Angebot um beispielsweise Geschichte, Biologie, Physik und Chemie. Das Prinzip des Epochenunterrichts bleibt bis in die Oberstufe erhalten, nur dass dann nicht der Klassenlehrer, sondern der Geschichts- oder Chemielehrer vor den Schülern steht. Nur Fächer, die der regelmäßigen Übung bedürfen, wie die Sprachen oder Musik, Sport und Handarbeit, werden nicht im Epochenunterricht sondern in den Fachstunden unterrichtet. Insgesamt wird versucht, einen möglichst abwechslungsreichen Stunden- und Epochenplan aufzustellen, um die verschiedenen Sinne der Kinder anzusprechen. So bietet sich nach einer Fachstunde Englisch vielleicht Eurythmie an oder nach Mathematik folgt Werken, nach einer Physikepoche eher Geschichte und nach einer Deutschepoche vielleicht Chemie.

„Im Epochenunterricht entsteht ein Dreischritt“, berichtet Klassenlehrerin Hildegard Wiethan am Beispiel einer siebten Klasse, die zum elektrischen Widerstand arbeitet. „Am naturwissenschaftlichen Unterricht werden die drei Schritte besonders gut sichtbar.“ In Physik etwa werde zum Beispiel nach dem Einstieg durch eine Knobelaufgabe zuerst ein Versuch aufgebaut, bei dem mit Hilfe von Strom eine Lampe zum Leuchten gebracht wird. Die Kinder beobachten den Ablauf genau und beschreiben ihn anschließend sorgfältig. Am nächsten Tag werden im zweiten Schritt die Beobachtungen vom Vortag wiederholt und gemeinsam versucht die Klasse, die Ergebnisse zu deuten und Gesetzmäßigkeiten zu erkennen: Was ist nötig, um einen Stromkreis herzustellen? Wann leuchtet die Lampe und wann bleibt sie dunkel? Im dritten Schritt folgt die fachliche Einordnung: Was bedeutet elektrischer Widerstand? Was ist die Stromquelle, was ist ein Verbraucher? Die Schülerinnen und Schüler bringen dann das Erkannte in einen Zusammenhang mit ihrem Alltag und suchen weitere Beispiele. „Häufig überlagern sich diese Dreischritte auch, doch das Grundprinzip bleibt: Stets gilt es, Neues zu beobachten, es zu beschreiben, Gelerntes einzuordnen und das Wissen mit Bekanntem zu verknüpfen“, sagt Hildegard Wiethan. „In den Epochenzeiten können wir mit den Kindern so viel mehr schaffen, als wenn der Prozess immer wieder durch Tage unterbrochen wäre, an denen das Fach nicht im Stundenplan erscheint.“

Epochenhefte: Gelerntes selbst gestalten

In Epochenheften wird das Gelernte niedergeschrieben. In den ersten Jahren ist es meist direkt vom Lehrer vorgegeben und wird von der Tafel abgeschrieben. In den höheren Klassen erarbeiten sich die Schülerinnen und Schüler ihre Themen eigenständig, sie recherchieren selbst und erstellen Referate. „Epochenhefte sind ein wunderbarer Spiegel des Kindes in dem jeweiligen Moment“, sagt Hildegard Wiethan. „Die eigenen Gestaltungsmöglichkeiten an Überschriften, Bildern und Schriften macht allen viel Freude und verankert durch das eigene Tun das Gelernte besonders gut.“ Nach einer abgeschlossenen Epoche folgt eine neue Epoche mit neuem Thema. Das Erarbeitete kann so ins Langzeitgedächtnis zurücksinken, um dann nach einigen Wochen oder auch Monaten wieder hervorgeholt zu werden, wenn das Thema – mit neuen Fragen und neuem Bewusstsein – fortgeführt wird.

Starke Leistung und bessere Motivation

Studien zeigen, dass Epochenunterricht einen positiven Einfluss auf die Lernleistung sowie auf die Motivation der Lernenden hat. Darüber hinaus bedeutet er weniger Fächer pro Woche, mehr Möglichkeiten zu methodischer Vielfalt der Lehr- und Lernformen sowie verbindlichere Sozialkontakte und ein besseres Schulklima. Auf die Frage, was die Lehrer am Epochenunterricht besonders schätzen, fällt die Antwort leicht: „Ich bin am Ende der Epoche an einem anderen Punkt als am Anfang“, erklärt Hildegard Wiethan. „Jede Klasse bringt neue Aspekte des Stoffes zur Geltung, die mich jedes Mal wieder neu überraschen. Die Inhalte werden von Klasse zu Klasse spannender. Diese Arbeit ist für mich ein Erfolgsmodell, das ich nicht missen möchte.“ Gibt es auch Nachteile? „Die einzigen Probleme, die ich sehe, liegen darin, dass es mühsam ist, Kinder, die lange und häufig krank sind, wieder ins Klassenboot zu holen. Aber diese Kinder hätten auch bei einem anderen Stundenplanunterricht ähnliche Probleme.“

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