Ackerbau in der dritten Klasse

„Endlich wusste ich, wie man pflügt, dass danach geeggt wurde und es früher einen Sämann gab.“ Finn, 3a.

Mit der Jungsteinzeit schlägt die Menschheitsgeschichte ein neues Kapitel auf: Unsere bis dahin nur jagenden und sammelnden Vorfahren werden zu sesshaften Bauern, die ihre Existenz fortan auf dem Anbau von Getreide und der Viehzucht gründen.

Auch wenn (oder gerade weil) sich die moderne industrielle Landwirtschaft weit von ihren Ursprüngen entfernt hat – „die Ackerbauepoche bietet den Kindern die Möglichkeit, den vollständigen Kreislauf vom Korn zum Brot kennen zu lernen“, erklärt York Semmler, Klassenlehrer der 3a: „Im Herbst pflügen und eggen wir den Acker im Schulgarten. Danach säen wir das Getreide und beobachten in den kommenden Wochen und Monaten, wie sich das Korn entwickelt.“ Im Sommer heißt es dann: Ernte! Mit sichtbarer Freude dreschen die Kinder nun das Korn, mahlen es zu Mehl und backen daraus im schuleigenen Backhaus ihr Brot. „Selbstgemacht schmeckt es einfach unvergleichlich – eben ganz besonders“, erinnert sich Arthur (4a) an die Ackerbauepoche des letzten Jahres.

Eigene Schaffenskraft bewusst machen

Neben dem konkreten Wissenserwerb geht es in der fächerübergreifend begleiteten Ackerbauepoche um mehr: Sämtliche Arbeiten werden von den Kindern mit der Hand verrichtet, dabei spüren sie die Anstrengungen, die mit der traditionellen Landwirtschaft verbunden sind: „Wenn das Feld bestellt ist oder die Kinder das selbst hergestellte Brot essen, stellt sich bei ihnen das Gefühl hoher Zufriedenheit ein“, weiß York Semmler. So steckt hinter diesen Mühen ein tieferer Sinn. Die Kinder sollen die enge Beziehung zwischen Mensch, Natur und eigener Arbeit erfahren: „In der Waldorfpädagogik sprechen wir von der Rubikonphase, in welche die Schüler um das neunte Lebensalter eintreten“, erläutert York Semmler: „In diesem Entwicklungsstadium löst sich das Kind aus seiner bisher beschützten Welt und erlebt die Trennung von Ich und Umwelt, was mit dem Gefühl der Verunsicherung und Ängsten einhergehen kann. Die praktische Arbeit auf dem Acker ist in dieser Zeit des Umbruchs eine anschauliche Unternehmung, um den Kindern ihre eigene Schaffenskraft bewusst zu machen.“

Ackerbau als geistige Kraftquelle

Zum Schluss eine Anekdote darüber, wie auch in einer hochtechnisierten Welt der Anbau von Feldfrüchten dem Menschen eine – geistige – Kraftquelle sein kann (wovon etwa auch der Ausdruck „Kulturpflanze“ oder das englische bzw. französische „agriculture“ zeugen): In seinem letzten Buch "Wer wir waren" hat der Publizist Roger Willemsen an die Kosmonauten erinnert, die auf ihrer Exkursion in den Weltraum Ende der siebziger Jahre ein Stück Mutter Erde mit an Bord nahmen: „Andere hatten ein Gemüsebeet im All und züchteten Hafer, Erbsen, Rüben, Radieschen und Gurken, strichen mit der Handfläche beseligt über die frischen Pflänzchen“.

Inwieweit der aufkommende Weltraumtourismus Einfluss auf den schulischen Ackerbau haben wird, ist zum jetzigen Zeitpunkt noch unbekannt.

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