Der Biochemiker und Nobelpreisträger Thomas Südhof (Photo: © Steve Fisch Photography) ist ehemaliger Schüler unserer Schule, er lebt und arbeitet in den USA. Jetzt besuchte er bei einer Durchreise seine alte Schule und traf im Blauen Saal nicht nur ehemalige Lehrer und Mitschüler, sondern erzählte vor insgesamt rund 100 interessierten Zuhörern von seiner Schulzeit und beantwortete Fragen zu seinem Spezialgebiet: dem Gehirn.

„Ich war kein einfacher Schüler", sagt er gleich zu Beginn. Er hatte - und habe noch - oft Ansichten, die andere nicht mit ihm teilten. Schon als Jugendlicher habe er viel hinterfragt, war ein Querdenker. Sportlehrer Johannes Hoerner bestätigt das: „Er hatte einen sehr eigenen Kopf." Der heute 58-jährige Südhof schmunzelt und meint, den habe er immer noch. „Aber die Schule hat mich toleriert." Dafür sei er dankbar und sicher habe das auch seinen Werdegang beeinflusst.

„Thomas sagte kaum etwas, aber wusste alles."

Auch die übrigen anwesenden ehemaligen Lehrer – insgesamt waren sieben von ihnen gekommen – können sich vielfach an kleine Begebenheiten erinnern. „Er saß häufig still im Unterricht mit einem Lächeln, als frage er sich, ob das überhaupt stimme, was die da vorne gerade erzählt", berichtet Deutschlehrerin Charlotte Dorothea Moericke. Physiklehrer Christoph Schmundt ergänzt schmunzelnd: „Thomas sagte kaum etwas, aber wusste alles." Mit Eurythmie hingegen habe er sich nie richtig anfreunden können, im 13. Schuljahr habe er sich selbst von diesem Unterrichtsfach befreit. „Er war hartnäckig, aber nicht der Schlimmste", meint dazu der damalige Eurythmielehrer Eckehardt Ohler.

Südhof schätzt an der Waldorfschule, dass sie Kinder in Fähigkeiten unterrichtet, die nicht direkt kognitiv wirken, wie etwa Musik und Kunst. Das fördere das implizite Gedächtnis, also jenen Teil, der sich auf das Erleben und Verhalten des Menschen auswirkt, ohne dabei ins Bewusstsein zu treten. Hierzu zählen zum Beispiel der Spracherwerb oder das Treppensteigen, das in der Regel ohne bewusstes Nachdenken geschieht. Dieses implizite Lernen bilde das entscheidende Fundament, auf das sich später um so leichter das explizite Lernen wie etwa Vokabel- oder Formellernen aufbauen lasse. In diesem Zusammenhang kritisierte er vor allem das amerikanische aber auch Teile des deutschen Schulsystems, die den häufig viel zu frühen eingesetzten, reinen Wissenserwerb in den Vordergrund stellten, was nur das explizite Gedächtnis anspreche. Die Waldorfschule hingegen setze stark auf das implizite Gedächtnis, sagt Südhof und fügt hinzu: „Zumindest in meinem Fall."

„Ich wollte zuerst Musiker werden."

Dass er später mal als Wissenschaftler arbeiten würde, war keineswegs klar. „Zur Abiturzeit wusste ich noch nicht, welchen Beruf ich wirklich wählen sollte", berichtet Südhof. „Ich wollte zuerst Musiker werden." Dabei war sei sein erstes Instrument, die Geige, eine Katastrophe für ihn gewesen und auch bald kaputt gegangen. Später begann er jedoch, intensiv Fagott zu spielen, und habe dabei viel gelernt. Die musikalische Erziehung halte er für eine der wichtigsten. „Für die Wissenschaft entschied ich mich jedoch erst viel später." Das Medizinstudium reizte ihn, weil ihm das viele Möglichkeiten einer beruflichen Laufbahn eröffnete. Und er habe etwas Nützliches tun wollen, ob als praktizierender Arzt oder im Rahmen einer wissenschaftlichen Karriere. Was sich daraus entwickelt hat, sei nicht vorhersehbar gewesen. So sei es verständlich, wenn auch heute viele 18- oder 19-Jährige noch nicht wissen, welchen Beruf sie wählen sollen. „Das ist gut so. Es braucht manchmal Zeit, um sich zu orientieren. Denn obwohl man schon erwachsen ist, reift man ja noch", meint Südhof.

„Wir wissen relativ wenig."

Doch nicht nur seine Schulzeit war ein Thema, es gab auch interessierte Fragen zu seinen Forschungsprojekten und seiner Einschätzung zu aktuellen medizinischen oder neurobiologischen Fragen: Was halten Sie von Medikamenten, die bei Depressionen eingesetzt werden? Was sagen Sie zu Forschung an Tieren? Sind Gehirne von Neugeborenen unbeschriebene Blätter? Wie frei sind Sie in Ihrer Forschung im US-Hochschulsystem? Werden Menschen jemals das Gehirn und seine Funktionsweise verstehen?

Südhof ist, was die letzte Frage betrifft, skeptisch. Zwar habe er mit seinen US-Kollegen die Transportmechanismen in den menschlichen Zellen erforscht und damit die Grundlage geschaffen, Krankheiten wie Alzheimer und Autismus künftig besser zu therapieren. Doch, so fährt er fort: „Wir verstehen die Prozesse nicht. Wir haben keine Ahnung, wo das Gedächtnis neurobiologisch liegt, wie das Erinnern funktioniert und wie das Gedächtnis zusammengebaut ist." Doch erst, wenn wir dies verstehen, könne man echte Behandlungsmöglichkeiten entwickeln. Bis dahin sei das Behandeln vieler Krankheiten rein symptomatisch und damit mit erheblichen Nebenwirkungen erkauft, etwa bei Depressionen oder Alzheimer. Der Nobelpreisträger gibt sich an dieser Stelle nachdenklich. „Herr Schmundt meinte, ich wusste damals alles und sagte nichts. Heute fühle ich mich eher so: Ich sage viel, aber weiß wenig."

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