Klasse 12c in Azzona/Toscana

Die Begeisterung als Abschlussfahrt einen Bildhauerkurs zu machen war nicht allzu groß, denn zu groß war die Sorge vor zuviel Arbeit und dem Gefühl der Aufgabe nicht gewachsen zu sein. Würde man auch genügend Freizeit haben? Was hatte „Steine kloppen" eigentlich mit einer Architekturepoche zu tun?

In der ersten Woche der Epoche arbeiteten 5 verschiedene Arbeitsgruppen an jeweils einem großen Thema: frühchristliche Basilika, Romanik, Gotik, Renaissance und Barock. Diese Baustile wurden der Klasse anhand von selbst gestalteten Ausstellungsplakaten, Bildbänden und kleinen Vorträgen nahegebracht.

Vom 13.6.-24.6 2011 fuhren wir dann nach Azzano in die Toskana. Azzano ist ein Dorf in den Apuanischen Alpen und liegt am Fuße des Monte Altissimo (1589m). Von der Abendsonne beschienen wirkt dieser Berg schneebedeckt. Doch handelt es sich nicht um Schnee sondern um weißen Carrara Marmor. Auf seinen Erkundungsreisen entdeckte Michelangelo die großen Marmorvorkommen und die Marmorhöhlen in diesem Gebirge. Seit dem 19. Jahrhundert wird in Azzano Marmor abgebaut. Aber auch Bildhauer haben ihren Weg dorthin gefunden. So entstand auch das Campo, auf dem wir bildhauerisch tätig wurden.

Zunächst wanderten wir hinab zum Fluss, der Vezza, und jeder suchte sich im Flussbett seinen Marmorstein. Bedingt durch klimatische Einflüsse aber auch durch Marmorabbau im Altissimo sind im Laufe der Zeit Unmengen von Marmorsteinen in allen Größen hinabgerollt und prägen das Flussbett. Ricarda, unsere Bildhauerin aus Hannover, die unseren Kurs leitete, prüfte alle Steine vor Ort mit einem Klangstab. Falls ein Stein zu brüchig oder zu hart schien, musste ein neuer gesucht werden. Mit dem Campobus wurden alle Steine nach Azzano transportiert. Dort angekommen, nahm jeder seinen Stein in Empfang und richtete sich seinen Arbeitsplatz im Freien ein.

Nach einigen Vorbereitungen und genauen Anweisungen zur Benutzung der Werkzeuge konnte jeder mit Schutzbrille, Hammer und einem selbst gewählten Meißel ausgerüstet seine Arbeit am Stein beginnen. Das Besondere eines solchen Bildhauerkurses ist, dass es kein vorgegebenes Thema gibt sondern die Beschaffenheit des Steins bestimmt den Verlauf der eigenen Arbeit. Nicht immer war man erfreut, wenn plötzlich ein großes Stück beim Meißeln absprang oder Formen sich nicht den eigenen Vorstellungen entsprechend meißeln ließen. Durch die fachmännische Begleitung der Arbeit konnte aber jeder immer wieder seinen individuellen Zugang zur Arbeit mit dem Marmor finden.

Nach den ersten bildhauerischen Erfahrungen führte uns die Reise zur Wiege der Renaissance, nach Florenz, wo wir zunächst in die Medici Kapelle gingen um die von Michelangelo geschaffenen Marmorskulpturen der letzten Medicifürsten anzuschauen. Anhand einiger Beobachtungsaufgaben gingen die Schüler in eine nähere Betrachtung der beiden Medici Grabmäler. Beeindruckt waren viele auch von Michelangelos Skulptur „Madonna mit Kind", die sich ebenfalls in dieser Kapelle befindet. Nach den ersten eigenen Erfahrungen mit Marmor wurde einem die Genialität dieses Meisterstückes besonders deutlich. Nach einer Stunde trennten sich unsere Wege. Anhand eines Stadtplanes mit Vorschlägen zur Besichtigung machten sich die einzelnen Gruppen alleine auf den Weg. Ob zur Kopie des David von Michelangelo auf der Piazza Signoria oder zu dem aus weißem und schwarzen Marmor gebauten Dom oder zu den vielen Plätzen mit den für die Renaissance typischen Bogengängen. Am Nachmittag trafen wir uns am Palazzo Pitti und suchten nur einige sehr ausgewählte Bilder auf u.a. Lippis Madonna mit Kind oder Die drei Lebensalter von Giorgione. Die Gestaltung und Möblierung der großen Prachträume vermittelt ein gutes Bild vom Wohn-und Lebensstil der Medici. Müde kehrten wir in unser Dorf zurück und genossen nach dem sehr heißen Tag die angenehme Gebirgsluft.

Zwei Tage später wanderten einige der Klasse mit uns und den Betreuern des Campo ins Altissimo Gebirge. Die Sicht auf das Tyrrhenische Meer und Azzano war im Sonnenlicht besonders schön, leider kam immer mehr Nebel auf, sodass wir es gerade noch schafften, eine Marmorhöhle zu besichtigen. Verschwindend klein empfindet sich der Mensch dort oben. Faszinierend nicht nur für uns Lehrer war die Mischung aus Wandern auf Marmorwegen, Kunst aus Marmor, die wir gerade erst in Florenz betrachtete hatten und der Arbeit am eigenen Marmorstein.

In der zweiten Hälfte unseres Aufenthaltes fuhren die Schüler für einen Tag alleine ans Meer bei Forte dei Marmi. Dann ging es in die Feinarbeit beim Bildhauern, das Schleifen. Schleifpapier von ganz grob bis ganz fein gibt der eigenen Arbeit den letzten Schliff. Je feiner der Schliff, desto stärker tritt die Maserung des Carrara Marmors hervor. Die geschliffene Oberfläche kann sich dann so glatt wie die Stufe einer Marmortreppe anfühlen. Aus jedem Flussstein war am Ende ein ganz individuelles Kunstwerk geworden. Unter der Pergola, unserem Gemeinschaftsplatz am Campo, stellte jeder am letzten Tag sein Kunstwerk vor und berichtete vom Verlauf der Arbeit.

Wieder zurückgekehrt, blickten wir noch einmal kurz auf die Zeit der Renaissance zurück um dann mit Riesenmeilenstiefeln vorbei am Klassizismus in die Moderne des 20. und 21. Jahrhunderts zu eilen.

Britta Miskin (L)

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