„Die Hand spricht besser als der Mund“

Marcel Verboort ist seit 22 Jahren an der Freien Waldorfschule Maschsee als Sprachgestalter tätig. Er stammt aus den Niederlanden, hat in Zeist in der Provinz Utrecht drei Jahre lang das Waldorf-Lehrerseminar besucht und danach in Stuttgart die vierjährige Ausbildung „Sprachgestaltung und dramatische Kunst“ absolviert. Marcel Verboort ist 50 Jahre alt und Vater von drei Kindern.

Herr Verboort, Sie sind Sprachgestalter. Erzählen Sie uns wie Sie zu diesem ungewöhnlichen Beruf gekommen sind?

Marcel Verboort, Sprachgestalter an der Freien Waldorfschule Maschsee

„Ich habe selbst von der dritten bis zur elften Klasse eine Waldorfschule besucht. Mich hat das Thema Sprache und Schauspiel immer sehr interessiert. Allerdings war das ein ambivalentes Verhältnis. Ich kann mich erinnern, dass ich manchmal geschwänzt habe, wenn Proben anstanden. Ich hatte neben der Faszination auch eine gewisse Scheu vor dem Schauspiel, insbesondere der Improvisation. Später dann habe ich genau bei dem Lehrer, bei dem ich geschwänzt hatte, Privatstunden genommen, bin quer durch die Gegend getrampt, um zu ihm zu kommen und von ihm zu lernen.“

Wie kamen Sie nach Stuttgart?

„In Holland gibt es bis heute keine Sprachgestalter an den Schulen. Ich habe mich dann erkundigt und erfahren, dass die Novalisschule in Stuttgart einen guten Ruf hat und genau das bietet, was ich mir vorgestellt habe. Also bin ich dorthin gegangen.“

Was genau macht ein Sprachgestalter?

„Zerlegt man das Wort in seine beiden Hälften wird schon eine Menge deutlich. Es geht um Sprache. Aber eben um mehr als sie nur zu sprechen, sondern um Gestaltung. Was braucht man zum Sprechen? Die Zähne, die Zunge, den Atem. Es geht um Tempo und um Lautstärke, um Stimmkraft und Ausdrucksfähigkeit. Viele Menschen denken bei Sprache vor allem an Inhalte. Doch das ist nur eine Seite. Die Sprachgestaltung legt auf die Laute wert und arbeitet mit ihnen. Denken Sie beispielsweise an die Vokale. Wie viele Gemütsausdrücke gibt es in unserer Sprache, deren spontane Artikulation nur aus Vokalen besteht? Wenn Menschen sich erschrecken oder überrascht sind, sagen sie ‚a’ und ‚o’, oder der Konsonant f, wenn einer überheblich ist: ,Fff... mein Vater hat aber ein größeres Auto...’ Oder denken Sie an das Wort ‚nicht’. Viele Menschen verschlucken den letzten Buchstaben, das ‚t’, gerade Jugendliche. Es ist ein Stoßlaut. Er bildet einen gewissen Widerstand, löst wohl Unbehagen aus...“

Was konkret ist Ihre Aufgabe an unserer Schule?

„Da sind im Wesentlichen drei verschiedene Bereiche. Zum einen arbeite ich in der Zeit zwischen acht und zehn Uhr mit kleinen Gruppen von meist drei Kindern aus den Klassen zwei bis acht. So ungefähr zwischen 10 und 13.30 Uhr dann schule ich Lehrer oder auch auf Anfrage einzelne Schüler. Der dritte große Bereich sind die Klassenspiele der achten und zwölften Jahrgänge, die ich mit inszeniere. Diese Tätigkeit liegt meist in den Nachmittag- bis Abendstunden. Mit den Proben zu den Klassenspielen bin ich oft bis weit nach Mitternacht beschäftigt. Alles in allem kann man sagen: Ich bin dann von morgens bis abends in der Schule.“

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Stichwort Klassenspiel. Welche Aufgabe kommt Ihnen da als Sprachgestalter zu?

„Wenn die Schüler sich einen Text erarbeiten, dann kleben sie am Anfang sehr an den Worten. Mir als Sprachgestalter geht es darum, sie weg von den Worten hin zum Schauspiel zu bringen. Sie sollen zwischen den Zeilen lesen, improvisieren, Gefühle zeigen, sich Wut, Trauer, Freude erarbeiten. Zwei, drei Wochen wird erst einmal nur improvisiert. Alles muss ins Fließen kommen. Es geht darum, die richtigen Bewegungen, die richtige Handlung zu finden. Wir erarbeiten uns so ein Grundgerüst. Wenn die Eckpfeiler stehen, dann erst geht es zurück zum Originaltext, und wir arbeiten sehr textgetreu und sprachgenau. In dieser Phase unterbreche ich häufig, frage die Schüler: ,Was meint ihr, könnte die Person, die ihr spielt, in dieser Situation tun?“ Mir ist es wichtig, dass die Schüler den Text nicht so wichtig nehmen. Er ist nur das Sahnehäubchen auf dem Kuchen. Ob der Funke zum Publikum überspringt, das hat etwas mit ihrem Schau-Spiel, ihrer Mimik, Gestik, ihren Bewegungen und ihrer Ausdrucksfähigkeit zu tun. Im Idealfall nimmt das Schauspiel den direkten Weg zum Zuschauer, so wie Musik. Die Hand spricht besser als der Mund. Eine kleine Geste gibt der Sprache die richtige Intonation. Deshalb ist es schön, wenn die Schüler sich selbst ein wenig vergessen. ‚Wissen lähmt die Beine’, lautet ein afrikanisches Sprichwort. Das ist wahr. Es ist gut, wenn der Kopf ein Stück weit ausgeschaltet ist.

Sie erwähnten, dass Sie neben den Klassenspielen auch mit einzelnen Kindern und Lehrern arbeiten. Aus welchen Gründen kommen die Kinder und auch die Lehrer zu Ihnen?

„Das ist ganz unterschiedlich. Die Klassenlehrer entscheiden, wer kommt, und sie haben verschiedene Kriterien. Allgemein lässt sich sagen, es sind zum einen introvertierte Kinder, die Schwierigkeiten haben, vor anderen zu sprechen. Aber auch besonders extrovertierte Kinder kommen und dann natürlich auch die, die Sprachschwierigkeiten haben, wie stottern, lispeln, nuscheln. Die Grenzen zur Sprachtherapie sind fließend. Das können wir hier an der Schule natürlich nicht leisten. Aber wir können Impulse setzen und dafür sorgen, dass den Kindern weitergehende Unterstützung zuteil wird. Zu den Lehrern: Auch für sie ist die Sprache ein wichtiges Instrument. Nicht nur die Sprache an sich, sondern auch die Körpersprache. Die Frage, wie stehe ich vor meiner Klasse, wie steht es um meine Körperpräsenz – das ist für Lehrer wichtig.“

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Wenn Sie die Arbeit an unserer Schule reflektieren und einen Wunsch frei hätten – was würden Sie sich wünschen?

„Der immer größer werdende Leistungsdruck und die Verdichtung der Lehrpläne macht auch vor unserer Schule nicht Halt. Das Klassenspiel, gerade in der zwölften Klasse, hatte früher eine sehr große Bedeutung. Es war ein absoluter Höhepunkt der Schullaufbahn. Das hat sich verändert. Und das bedaure ich sehr. Immer mehr Eltern aber auch Schüler stellen die Frage, ob es gerechtfertigt ist so viel Zeit mit dem Klassenspiel zu verbringen angesichts der Fülle von Lehrstoff. Ich verstehe die Sorgen, aber ich weiß, wie wichtig das Klassenspiel ist – gerade in der stressigen Zeit der Oberstufe. Eingefahrene Rollen werden aufgebrochen, es ist ein schöner Ausgleich für die Schüler, der sie über die oft anstrengende Zeit trägt. Das Klassenspiel ist ein Stück Sozialarbeit. Es wäre schön, wenn das wieder mehr wahrgenommen und geschätzt würde.“

Herr Verboort, noch ein letzte Frage. Sie sind Holländer und leben mehr als die Hälfte Ihres Lebens in Deutschland. Was bedeuten Ihnen beide Sprachen im Alltag?

„Ich bin in dieser Beziehung nicht Fisch, nicht Fleisch. Die Holländer denken, ich sei ein Deutscher, der gut Holländisch spricht und die Deutschen ich sei ein Holländer, der gut Deutsch spricht. Beide Sprachen sind bei allen Gemeinsamkeiten sehr unterschiedlich. Deutsch liegt vorn im Mundraum, Holländisch tief im Rachen. Ich spreche und denke größtenteils Deutsch, bei Übermüdung allerdings falle ich schnell in meine Muttersprache.“

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