Wenn die Unendlichkeit in der Mathematik hinter Peine anfängt oder wenn Vertrauen in das Denken kommt.

Mathematik wird von vielen Menschen im allgemeinen, um es freundlich zu formulieren, als herausfordernd empfunden und so war es nicht verwunderlich, dass auf meine Frage „Was stört Euch denn in Mathe am meisten?" als Antwort kam „Die Zahlen". So wurden die Zahlen an die Tafel geschrieben. Alle Zahlen die störten. Ganze Zahlen, negative Zahlen, sowie Dezimalzahlen und dann auch noch Brüche. Erst als die Zahlen symbolisch mit dem Schwamm durch ein Wegwischen in den „Papierkorb" geschmissen wurden und bei den Brüchen nicht explizit nachgefragt wurde, kam eine gewisse Erleichterung auf.

Mathematik auf dem Schulhof

Mathematik ist mehr als nur Zahlen. Es geht in der Mathematik nicht nur um das Rechnen oder die Logik, in der Mathematik geht es um „Die Kunst des Lernens" was es wortwörtlich aus dem Griechischen übersetzt, auch heißt. Hier steckt das Wesentliche, die Schüler zu begleiten und ihnen die Angst zu nehmen und sie neugierig zu machen und, besonders in der 9. Klasse, in der Phase der Pubertät und der Verwandlungen. Ein klassisches Beispiel ist hier die Geometrie der Griechen. Die Verwandlung eines Kreises in eine Ellipse wirft viele Fragen bei den Jugendlichen auf, die durch praktische Umsetzung erfahren wird und ich nachfolgend beschreiben möchte.

In Gruppen stellten sich die Schüler im Schulhof auf. Das Tafellinial wurde mitgenommen und auf dem Schulhof eine Linie bzw. Gerade gezeichnet. Zwei der Schüler stellten sich dicht nebeneinander auf die Linie und stellten so einen Mittelpunkt eines Kreises dar. Eine Kordel, zusammengeknotet als große, etwa zehn Meter lange Schlaufe, wurde um die beiden Schüler herumgelegt und lag nun da am Fußgelenk. Die anderen Schüler der jeweiligen Gruppe stellten sich im Kreis um den „Mittelpunkt" herum, zogen die Kordel, bzw. Schlaufe, straff und mit Hilfe eines dicken Kreidestücks konnten sie, um den Mittelpunkt herum, einer nach dem anderen, reihum jeder ein Teilstück des Kreisumfanges zeichnen bis der gesamte Kreis fertig gezeichnet war.

Mathematik auf dem Schulhof

Und nun? Ein Kreis? - Nun fängt die Mathematik an, das Denken, das Kreative, die Phantasie, was zu vielen Fragen führt. Wo führt eigentlich die Gerade hin? - „Zum Maschsee" sagte ein Schüler, ein anderer Schüler meinte, seine führte nach Peine und lachte herzlich dabei - und dann? Wo ist eigentlich die Unendlichkeit? Und von wo kommt Sie wieder? Wenn wir einen Punkt auf der Linie bzw. Gerade im Schulhof in die Unendlichkeit schicken, immer ein kleines Stück weiter weg, was erlebt er da? Und da die Gerade auf dem Schulhof zwei Enden hat - von wo kommt dann das andere Ende wieder her? Doch bevor es zu philosophisch wurde, verwandelten wir den Mittelpunkt, bestehend aus zwei Schüler in zwei Brennpunkte, indem sich die beiden Schüler einen Meter auseinander stellten. Und wiederum zeichneten die Schüler herum einen Kreis - jedoch - es glich fast mehr einem Ei - genauer gesagt, es entstand eine Ellipse. Der Spieltrieb, die Neugier war nun geweckt. Was passiert wenn die beiden Schüler in der Mitte, auf der Linie, die nun Brennpunkte sind, immer weiter auseinander gehen? Geht das dann immer noch so einfach mit den Kreidezeichnungen auf dem Boden? Und wie sehen die nächsten Bilder auf dem Schulhofboden aus? Wird die nächste Zeichnung auch eine Ellipse? Natürlich hatten wir vorweg dieses Szenario in der Klasse aufs Blatt gezeichnet, aber hier draußen waren die Dimensionen doch anders. So entstand eine Ellipse nach der anderen. Acht Gruppen von Schülern malten verteilt auf dem ganzen Schulhof Ellipsen und sie konnten sehen, wie sich der Kreis in eine bunte Schar von Ellipsen verwandelte und durch die Farbwahl der Kreide eine frohe Farbenpracht entstand. Immer schmaler und immer länger wurden die Ellipsen, da die beiden Schüler, die Brennpunkte, immer weiter auseinander gingen. Die Ellipsen folgten der Linie und den beiden Brennpunkten auf dem Schulhofboden entlang. Schade, dass die Kordel nur zehn Meter lang war. Was hätte die Ellipse nicht alles erleben können am Maschsee, in Peine und in der Unendlichkeit? - Und wann wäre Sie wieder zurückgekommen? Und war es nicht doch eine Art von Kreis, oder doch eine Ellipse? Und war die Ellipse in der Unendlichkeit nur noch ein Strich? Und war die Kordel nicht immer gleich weit entfernt von den beiden Schülern, den Brennpunkten? Und wie groß müsste eigentlich die Kordel sein, damit ich bei meinen Eltern im Garten eine riesige Ellipse machen könnte? - ich weiß nicht was für Fragen die Schüler noch mit nach Hause genommen haben.

Und was machte die Mathematik? - Sie half am nächsten Tag die vielen Gedanken der Schüler, mit Hilfe von Gesetzmäßigkeiten, in eine innere Ordnung zu gießen und den Schüler das Gefühl zu vermitteln, dass Ihre wertvollen Phantasien, Ideen in geordnete Gedanken fließen. Ein Gefühl, das Ihnen Vertrauen gibt und ihr eigenes Denken stärkt.

Was aus den Ellipsen geworden ist? Die kleineren Kinder spielten noch tagelang damit, hüpften von einer zu anderen, und aus der Vielfalt der Kreisformen wurden in ihren Phantasien Gartenbeete oder Burgen, bis dann der Regen kam und sich die Ellipsen mit ihm vereinten und sie dann verschwanden im Meer der Unendlichkeit.

Guido Wolf

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