Waldorfschulen mitdenken und konkrete Taten folgen lassen - Im Rahmen einer „Finanzhilfekampagne“ macht die Landesarbeitsgemeinschaft der Waldorfschulen in Niedersachsen/Bremen mit verschiedenen Aktionen Politiker der Landesregierung darauf aufmerksam, dass bei der Zuweisung der öffentlichen Finanzhilfe Waldorfschulen stark benachteiligt sind.

Im Rahmen der Kampagne fand am 15. Februar eine Diskussionsrunde an der Waldorfschule Bothfeld statt, bei der Vertreter der unterschiedlichen politischen Parteien über die Finanzierungslücke diskutierten. Man nehme einen ganzen Topf guten Willens, werfe allerlei pikante Detailbeilagen ein und lasse das ganze knapp zwei Stunden unter ständigem Umrühren weichköcheln. Würzt man das Gericht anschließend mit zwei, drei flapsigen Bemerkungen des Moderators und einer Handvoll liberaler Bissigkeit, entsteht am Ende ein allseits bekömmlicher Eintopf. So schien es am 15. Februar beim schulpolitischen Abend an der Waldorfschule Bothfeld zu sein.

Aber schon beim Verlassen der Turnhalle stieß das Gericht sauer auf: Für heute sind wir satt. Wie nahrhaft war dieses Mahl wirklich? Im Nachgang klagten sogar einige Gäste der Veranstaltung über Sodbrennen und Bauchschmerzen.

Sieht man sich den Gehalt des Politikergespräches nochmal genauer an, fallen viele bedeutungsschwere Aussagen der anwesenden Landtagsabgeordneten auf: „Die Waldorfschulen sind ein innovativer Motor der Schullandschaft. Wenn es künftig weiter Innovationen geben soll, brauchen wir eine auskömmliche Finanzierung der freien Schulen!“ (Björn Försterling, MdL FDP) „Es kann nicht unser Ziel sein, die Schulen in freier Trägerschaft verschwinden zu lassen. Wir brauchen sie ganz dringend!“ (Mareike Wulf, MdL CDU) „Geld ist da, es muss nur an der richtigen Stelle ausgegeben werden! Wir brauchen dringend eine neue Regelung der Finanzhilfe, wir reden jetzt seit 2007 darüber, das ist eine klare Priorisierungsfrage!“ (Belit Onay, MdL Bündnis90/Die Grünen)

Von Waldorf-Seite brachte Michael Kropp, Geschäftsführer der Landesarbeitsgemeinschaft Niedersachsen/Bremen, mit viel Detailwissen wichtige Anliegen vor: „Wir werden immer noch als Konkurrenz zu staatlichen Schulen gesehen und entsprechend behandelt!“, „Die Schulaufsicht z.B. prüft uns immer wieder nach staatlichen Kriterien. Die Folge ist zu viel Bürokratismus und nur wenig Raum für Innovation!“, „Wir werden nicht mitgedacht! Neuregelungen werden für staatliche Schulen gemacht und für unsere Situation passen sie nicht. Wir haben am Ende mehr Aufwand und bekommen weniger Geld!“

Deutlich fiel in der Runde auf, dass ein SPD-Vertreter auf dem Podium fehlte. Obwohl es genau diese Partei ist, die den Posten des Kultusministers in der aktuellen wie in der Vorgänger-Regierung besetzt (hat). Eigentlich sollte Stephan Weil kommen, der ließ sich vertreten durch Stefan Politze und der ließ sich entschuldigen. Der Moderator kommentierte es trocken: „Die SPD ist heute sowieso an allem schuld, von denen ist ja keiner da!“

In Zukunft wird man insbesondere GroKo-Mitglied Mareike Wulf (CDU) an dem messen müssen, was sie an jenem 15. Februar vor der gut gefüllten Turnhalle gesagt hat: „Die Finanzhilfe wurde seit 1994 nicht überarbeitet. Das muss unbedingt sein. Wir brauchen Transparenz für das Berechnungsverfahren, wir müssen sehen, wie sich die Kosten entwickelt haben. Wir brauchen konkrete Vorschläge, mit denen sich die Finanzierung angemessen weiterentwickeln lässt. Und wir müssen bei allen Herausforderungen wie Digitalisierung, Inklusion etc. die freien Schulen mitdenken!“ Björn Försterling (FDP) ergänzte: „Ich finde wichtig, dass nicht nur mitgedacht wird, sondern auch gemacht!“

Die anwesenden Vertreter von Waldorfseite haben verdeutlicht, dass der Finanzhilfebeitrag pro Schüler in Niedersachsen um inakzeptable 500 € unter dem bundesdeutschen Durchschnitt liegt, dass deshalb Waldorflehrer zu wenig verdienen und die Grenze der Leistungsfähigkeit bei den Eltern erreicht ist. Das Beispiel der ersten insolventen Waldorfschule illustrierte deutlich, welche gravierenden Folgen diese Unterfinanzierung haben kann. Und ein eloquenter Schülervater brachte die Situation der Eltern aussagekräftig auf den Punkt: „Für fünf Kinder in der Waldorfschule habe ich bis jetzt 100.000 Euro Schulgeld investiert, zuzüglich diverser zweckgebundener Ausgaben. Darüber hinaus habe ich etwa 3.000 Stunden ehrenamtlicher Arbeit geleistet und mit meinen Steuern das öffentliche Schulsystem finanziert! Das ist nicht gerecht!“

So hat der Abend erreicht, was zu erreichen war: Man hat sich getroffen und verbal auseinandergesetzt. Die komplexe Problematik wurde in Ansätzen überblicksartig verdeutlicht, soweit dies an so einem Abend eben möglich war. Alle Seiten haben guten Willen gezeigt. Und nun müssen alle Beteiligten darauf achten, dass den Worten Taten folgen!

Nikola Meyerhoff (E)

Hier geht es zum Artikel "Jamaika in der Turnhalle: CDU, Grüne und FDP wollen Waldorfschulen helfen" auf "rundblick-niedersachsen.de".

Hier gibt es eine Pressemeldung zu dieser Veranstaltung!

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