Klassenspiel - Caligula

Da war die Klasse 12a ein paar Wochen untergetaucht und steht dann mit Bravour auf der großen Bühne und gibt in zwei Aufführungen und Besetzungen Caligula zum Besten. Wie geht das, was bedeutet das für uns? Es ist dieses von Albert Camus aus der Antike in die Gegenwart geholte ewige Thema von Herrschaft und Willkür, die Frage nach der Ethik der Macht.

Da verliert der liebenswerte und viel zu junge Kaiser Caligula – der hervorragend von Johann und Emma ganz unterschiedlich verkörpert wird – seine Schwester und Freundin, irrt tagelang durch die Straßen Roms auf der Suche nach dem Mond, der ihm Sinn stiften und einen Weg aufzeigen soll. Er braucht jetzt das Unmögliche, den „Mond in meiner Hand –, dann werde vielleicht ich selbst verwandelt sein und die Welt mit mir. Dann endlich werden die Menschen nicht mehr sterben und glücklich sein.“

Aber genau das Gegenteil passiert, der Mond bleibt unerreichbar. Aus der Utopie wird Depression. Es folgt nichts, keine Idee außer der totalen Macht. „Ich habe das Nützliche der Macht erkannt. Sie gibt dem Unmöglichen eine Chance.“ Dieser unglückliche Nihilismus einer sinnbefreiten Welt ist furchtbar, ohne Perspektive, willkürlich, dem Individuum alles oder nichts verantwortend. Aus der Unmöglichkeit wird Grausamkeit. Caligula sucht mordend die eigene Schuld und Vergebung in seinen Untertanen. Seine Frau Caesonia und sein treuer Diener Helicon unterstützen ihn dabei. Carlotta/Zoe und Greta/Mara füllen die Rollen großartig aus, sie lassen sich unterwürfig maßregeln und feiern ihren Helden selbst noch, als er als Apoll im Eurythmiekleid tanzt. „Ich will den Himmel ins Meer stürzen, Hässlichkeit und Schönheit vermischen, aus Leid Gelächter hervorbrechen lassen […] Und wenn alles gleich gemacht ist, dann werde ich vielleicht selbst verwandelt sein und die Welt mit mir, dann endlich werden Menschen nicht mehr sterben und glücklich sein.“

Die spätrömisch dekadenten Patrizier sind zu träge und zu weinerlich, die Gefahr des Totalitarismus und der Willkürherrschaft ihres Caligulas zu erkennen. Sie inthronisieren, sie intrigieren, sie haben das Geld, sie sind gebildet. Alles hilft nichts gegen die entfesselten Grausamkeiten, zu sehr sind die Patrizier mit sich selbst beschäftigt, selbst als der treue Aurelius – mit Sydney und Josephine überzeugend besetzt – von Caligulas Hand gemeuchelt wird. Auch der treue Scipio, dem Caligula in seinem Wahn den Vater nimmt, verzweifelt an seiner eigenen Unzulänglichkeit. Helene-Madeleine und Theresa spielen diese tragische Rolle überzeugend, wenn sie den Kaiser direkt konfrontieren: „Was für ein niederträchtiges Herz musst du haben. Oh, wie müssen soviel Böses und soviel Hass dich foltern!“

Es braucht schon den Tribun Cherea, den Chiara und Johann sehr einfühlsam als gedemütigten und als verweichlicht verspotteten Literat charakterisieren. „Aber zu sehen, wie der Sinn des Lebens sich auflöst, wie unser Seinsgrund verschwindet, das ist unerträglich.“ Der Tyrannenmord des Cherea ist für Camus die Metapher eines fortwährenden Kampfes gegen die Barbarei in uns selbst. „Nein, Caligula ist nicht tot. Er ist da, und da. Er ist in einem jeden von euch.“ Seid wachsam, ruft er uns mit seinen klaren Bildern zu, fragt nach den Zielen, macht Vorschläge. „Die zweckfreie Bosheit muss man überlisten,“ denn sonst kommt der Nächste der behaupte, „es gäbe keine tiefe Leidenschaft ohne ein wenig Grausamkeit.“ Spätestens jetzt drehen wir uns erschrocken um, fangen an das Drama zu verstehen.

Sich in diesem Aufklärer Camus zu verlieren, die Worte auf die Bühne zu bringen, Eltern, Lehrer und Freunde im Zuschauersaal, das ist ganz großes Theater. Die Kunst arbeitet am Sinn, selbst Caligula ist davon beeindruckt. „Der Fehler all dieser Menschen ist, dass sie nicht genügend ans Theater glauben. Sonst wüssten sie, jeder Mensch darf die Tragödien des Himmels spielen und Gott werden.“

Der Altschüler Johannes hat mit seiner Inszenierung dieses Momentum aus der Klasse 12a hervorgekitzelt und in Milan für Sprachgestaltung und Einzelproben eine motivierende Unterstützung gehabt. Und alle haben sich darauf eingelassen und mitgeholfen. Ein ganz großer Dank für diesen eindrucksvollen Augenblick. Er wird uns noch lange beschäftigen. Dazu noch etwas. Wie selbstverständlich spielen Frauen Männerrollen. Nein, Männerrollen werden sprachlich und inhaltlich zu Frauenrollen. Der Perspektivwechsel ist eindrucksvoll und regt zum Nachdenken an.

Daniel Gardemin (Text), Joachim Richter (Fotos)

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