Abitur. Das erinnert an miefige Klassenzimmer, an gebeugte Rücken, an unzählige Seiten beschriebenes Papier, an schwitzige Hände und Bauchgrummeln. Blauer Himmel, frische Luft, Sonnenschein und Vogelgezwitscher kommen wohl den wenigsten Menschen in den Sinn, wenn Sie an ihre Reifeprüfung zurückdenken.

Genau das aber erleben jedes Jahr jene Schüler, die sich dafür entscheiden, ihr Kletter-Abitur abzulegen. Seit über zehn Jahren (jetzt beginnt gerade der 12. Kurs) ist das an der Freien Waldorfschule am Maschsee möglich – als erster Schule in der Bundesrepublik. Und auch wenn es inzwischen einige wenige weitere Schulen in Deutschland gibt, die Klettern gleichberechtigt neben Leichtathletik, Volleyball oder Gerätturnen als Sportprüfungsfach anbieten, so gibt es an der Waldorfschule am Maschsee doch weiterhin eine Besonderheit. Denn sie ist die einzige Schule deutschlandweit, die die Kletterprüfung in der freien Natur abnimmt, in den Felswänden der Tessiner Alpen, und nicht in einer überdachten Kletterhalle. „Und das, obwohl die im Süddeutschen liegenden Schulen es viel näher in die Berge hätten“, wundert sich Sportlehrer Welf Haase.

Der 68-Jährige, der offiziell seit gut zwei Jahren in Rente ist, ist selbst begeisterter Kraxler. Klettern – das ist an der Freien Waldorfschule am Maschsee fest mit seinem Namen verbunden. 1954 wurde W. Haase am Maschsee eingeschult, 1976 begann er hier als junger Sportlehrer zu arbeiten. Schon damals, lange bevor sich Klettern zu einer Trendsportart entwickelte, fuhr Haase im Rahmen von Projektwochen oder in den Ferien mit Schülern zum Zelten und Klettern ins Weser-Leine-Bergland; zum Kanstein am Thüster Berg und zu den Lüerdissener Klippen im südlichen Ith.

Doch dabei blieb es nicht. Anfang der 90er Jahre, im Zuge des Baus der neuen Sport-halle, schraubte ein kletterbegeisteter Zwölftklässler im Rahmen seiner Jahresarbeit Klettergriffe an den Klinker der kleinen alten Halle – die ersten Wände waren da.

„Da lag die Idee mit dem Kletter-Abitur nah“, sagt Haase, „die Jugendlichen machen in der Oberstufe schließlich schon genug mit dem Kopf.“
Da aber das Kultusministerium bzw. die Schulbehörde damals noch zu ängstlich waren (Klettern war da eben noch nicht Trendsportart), blieb es erst einmal bei einem Kurs, der in unserer Kletterhalle und im Ith stattfand.
Und obwohl Haase immer wieder mit 8. und 12. Klassen zum Klettern in die Alpen und nach Südfrankreich fuhr und der Klettersport mehr und mehr fester Bestandteil des (sport-)pädagogischen Konzepts wurde, sollte es noch bis 2005 dauern, ehe der erste „richtige“ Abitur-Kletterkurs stattfand.

Das alles liegt jetzt über zehn Jahre zurück. Die damals neu erarbeiteten Bewertungskriterien, die theoretischen Grundlagen, das Prüfungssystem, kurz: das Gesamtkonzept für das Kletter-Abitur hat sich bewährt und etabliert. Jedes Jahr im Mai geht es für die angehenden Abiturienten ins Gebirge – in den vergangenen Jahren waren es zumeist die Berge rund um den Lago Maggiore.

Das Interesse ist groß. Rund 10 bis 20 Schüler legen jedes Jahr ihr Kraxel-Abitur ab – darunter übrigens deutlich mehr Mädchen als Jungen.

Unterstützt wird Haase von zwei erfahrenen Bergführern, den Allgäuern Peter Schmid und Stefan Neuhauser, sowie immer wieder von seinen Söhnen Jonathan (Abiturient beim ersten Alpenkurs) und Jan Phillip. Außerdem auch von Altschülern, wie z.B. aktuell Jonas Lüder und Felix Küpper, die dem Klettersport treu geblieben sind.

Die Prüfung unterteilt sich in zwei Abschnitte. Zum einen eine Sicherheitsprüfung, bei der die Schüler in Mehrseillängen-Routen zeigen müssen, dass sie die Grundla-gentechniken und das Seilhandling beherrschen und somit in der Lage sind, als Zweierseilschaft im Vorstieg sicher zu klettern. Die Prüfer verteilen sich dabei auf dem Gelände, so dass sie den Kletternachwuchs aus verschiedenen Perspektiven gut beobachten können.

Teil zwei ist die sogenannte Schwierigkeitsprüfung. Die Schüler suchen sich eine eigene (20-40m hohe) Einseillängen-Route in einem ihnen unbekannten Terrain, von der sie glauben, sie im Vorstieg meistern zu können.

Gute Klettertechnik ist dabei ebenso gefragt wie eine solide Selbsteinschätzung. Letztere beruht auf den Erfahrungen durch bereits gekletterte Routen. Offizielle Kletterrouten sind nach internationalen Schwierigkeitsskalen bewertet.

Dass Klettern Spaß macht, gesund ist und den Körper stählt, steht außer Frage. Für Haase und die Bergführer Schmid und Neuhauser ist jedoch auch der pädagogische Wert von zentraler Bedeutung. „Man merkt gleich, ob ein Kind in einer gesunden Umgebung aufgewachsen ist, ob es in der Eilenriede getobt und auf Bäume geklettert ist oder von überängstlichen Eltern umsorgt wurde“, sagt Haase. Klettern schule das Sozialverhalten, die Schüler müssten sich gegenseitig verlässlich sichern, Vertrauen zueinander haben, Verantwortung übernehmen. „Klettern ist Teamwork. Für Egoismus ist da kein Platz“, sagt Haase.

Und gibt es auch Kletterbegeisterte, die durch ihr Kraxel-Abitur rauschen? Haase lacht. „Nein“, sagt er, „wer sich für diesen Grundkurs entscheidet, der kann klettern – der eine besser, der andere etwas weniger. Aber im Schnitt zeigen alle hervorragende Leistungen. 13, 14, 15 Punkte. Das ist keine Seltenheit.“

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